Warum wirken pflanzliche Schmerzpflaster? Eine evidenzbasierte Analyse der aktuellen Studienlage
Jinhua Qiu
Pflanzliche Schmerzpflaster werden in Europa zunehmend als Ergänzung oder Alternative zu systemischen Analgetika eingesetzt. Besonders bei muskuloskelettalen Beschwerden – etwa Rückenschmerzen, Arthrose oder Muskelverspannungen – greifen viele Patientinnen und Patienten auf topische Anwendungen zurück.
Doch worauf beruht ihre Wirkung?
Handelt es sich um traditionelle Erfahrungsmedizin – oder lassen sich pharmakologische Mechanismen und klinische Effekte wissenschaftlich belegen?
Dieser Beitrag analysiert die Wirkprinzipien pflanzlicher Schmerzpflaster auf Basis aktueller Studien und ordnet sie evidenzbasiert in die moderne Schmerztherapie ein.
1. Historischer Kontext und moderne Weiterentwicklung
Topische Kräuterauflagen sind seit über 2000 Jahren Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). In historischen Texten wurden sie als „Tie Gao“ beschrieben – Pflaster, die lokale Zirkulation fördern und stagnierende Prozesse lösen sollten.
Moderne pflanzliche Schmerzpflaster kombinieren dieses traditionelle Wissen mit transdermaler Applikationstechnologie. Dabei werden bioaktive Substanzen über mehrere Stunden kontrolliert freigesetzt.
Der entscheidende Unterschied zur historischen Anwendung liegt heute in:
- standardisierten Wirkstoffkonzentrationen
- dermatologisch getesteten Trägersystemen
- pharmakologisch untersuchten Inhaltsstoffen
2. Pharmakologische Wirkmechanismen
Die Wirkung pflanzlicher Schmerzpflaster lässt sich primär durch drei Mechanismen erklären:
2.1 Aktivierung kutaner Rezeptoren (TRP-Kanäle)
Viele pflanzliche Inhaltsstoffe – etwa Capsaicin oder Menthol – wirken auf sogenannte Transient-Receptor-Potential-Kanäle (TRPV1, TRPM8).
Capsaicin aktiviert TRPV1-Rezeptoren, was zunächst ein Wärmegefühl auslöst. Bei wiederholter Anwendung kommt es zu einer Reduktion der Substanz-P-Freisetzung – ein Mechanismus, der in randomisierten Studien bei neuropathischen Schmerzen belegt ist (Derry et al., Cochrane Database 2017).
Menthol hingegen stimuliert TRPM8-Rezeptoren und erzeugt ein kühlendes Signal, das über das Gate-Control-Prinzip die Schmerzwahrnehmung modulieren kann.
2.2 Verbesserung der Mikrozirkulation

Lokale Hyperämie (Durchblutungssteigerung) ist ein weiterer zentraler Mechanismus. Substanzen wie Campher oder Capsaicin führen zu:
- Vasodilatation
- erhöhter Gewebeperfusion
- verbesserter Sauerstoffversorgung
Eine gesteigerte Mikrozirkulation kann den Abtransport proinflammatorischer Mediatoren unterstützen – ein Prozess, der insbesondere bei myofaszialen Beschwerden relevant ist.
2.3 Entzündungsmodulation

Einige pflanzliche Inhaltsstoffe enthalten bioaktive Moleküle mit COX-hemmenden oder antioxidativen Eigenschaften.
Beispielsweise zeigen salicylathaltige Pflanzenextrakte strukturelle Ähnlichkeiten zu Acetylsalicylsäure. Topische Salicylate werden in Leitlinien bei muskuloskelettalen Schmerzen als mögliche Behandlungsoption genannt (NICE Guidelines, 2020).
Allerdings ist die Evidenz bei komplexen Kräutermischungen heterogener als bei isolierten Wirkstoffen.
3. Klinische Studienlage
Die Evidenzlage variiert je nach Inhaltsstoff:
Capsaicin
- Mehrere randomisierte kontrollierte Studien belegen eine Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen und Arthrose (Cochrane Review 2017).
- Effektgröße: moderat
- Nebenwirkung: lokal begrenztes Brennen
Topische Salicylate
- Meta-Analysen zeigen signifikante Schmerzreduktion bei akuten muskuloskelettalen Beschwerden (BMJ 2004; aktualisierte Reviews bestätigen moderate Evidenz).
Mentholhaltige Präparate
- Studien weisen auf kurzfristige Schmerzlinderung bei Muskelkater und Sportverletzungen hin.
- Evidenzniveau: moderat, abhängig von Studiendesign.
Für komplexe TCM-Mischpflaster existieren bislang weniger groß angelegte, westlich standardisierte Studien. Dennoch zeigen kleinere klinische Untersuchungen positive Effekte bei Kniearthrose und chronischen Rückenschmerzen.
4. Vergleich zur systemischen Schmerztherapie
Ein zentraler Vorteil topischer Anwendungen liegt in der lokalen Wirkung.
| Topisches Pflaster | Orales Analgetikum |
| Lokal begrenzte Wirkung | Systemische Verteilung |
| Geringeres GI-Risiko |
Mögliche Magen-Darm-Nebenwirkungen |
| Kaum systemische Interaktion | Wechselwirkungen möglich |
Laut European League Against Rheumatism (EULAR) können topische NSAR bei Arthrose als Erstlinientherapie erwogen werden – insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten.
Pflanzliche Pflaster sind nicht gleichzusetzen mit topischen NSAR, verfolgen jedoch einen ähnlichen lokal begrenzten Ansatz.
5. Sicherheitsprofil
Pflanzlich bedeutet nicht automatisch nebenwirkungsfrei.
Mögliche Reaktionen:
- Kontaktdermatitis
- Erythem
- lokales Brennen
- selten allergische Reaktionen
Kontraindikationen:
- offene Hautläsionen
- bekannte Salicylat-Allergie
- schwere dermatologische Erkrankungen
Die systemische Belastung ist jedoch deutlich geringer als bei oralen NSAR.
6. Einordnung im Rahmen der evidenzbasierten Medizin
Die Bewertung pflanzlicher Schmerzpflaster hängt stark vom verwendeten Wirkstoff ab.
- Für Capsaicin existiert solide Evidenz.
- Für Menthol und Salicylate moderate Evidenz.
- Für komplexe Kräutermischungen ist weitere Forschung erforderlich.
Insgesamt lässt sich feststellen:
Topische pflanzliche Schmerzpflaster sind keine Placebo-Anwendungen, sondern pharmakologisch aktive Systeme mit nachweisbaren biologischen Effekten.
Sie ersetzen keine kausale Therapie struktureller Erkrankungen, können jedoch im Rahmen multimodaler Konzepte eine unterstützende Rolle spielen.

Fazit
Die Wirkung pflanzlicher Schmerzpflaster beruht auf klar nachvollziehbaren biologischen Mechanismen:
* Aktivierung sensorischer Rezeptoren
* Verbesserung der Mikrozirkulation
* Modulation entzündlicher Prozesse
Die wissenschaftliche Evidenz variiert je nach Inhaltsstoff, ist jedoch für bestimmte Substanzen gut dokumentiert.
Im Kontext chronischer oder lokal begrenzter Beschwerden können pflanzliche topische Anwendungen eine sinnvolle Ergänzung darstellen – insbesondere dann, wenn systemische Nebenwirkungen vermieden werden sollen.
FAQ
Sind pflanzliche Schmerzpflaster wissenschaftlich belegt?
Für einzelne Wirkstoffe wie Capsaicin und topische Salicylate existieren randomisierte Studien. Für komplexe Kräutermischungen ist die Evidenz begrenzter.
Wie lange dauert es, bis ein pflanzliches Schmerzpflaster wirkt?
Je nach Wirkstoff tritt der Effekt innerhalb von Minuten bis Stunden ein. Bei Capsaicin kann eine regelmäßige Anwendung notwendig sein.
Sind pflanzliche Schmerzpflaster sicher?
Bei korrekter Anwendung gelten sie als gut verträglich. Lokale Hautreaktionen sind möglich.
Können pflanzliche Pflaster Tabletten ersetzen?
Bei milden bis moderaten lokalisierten Beschwerden können sie eine Alternative oder Ergänzung darstellen. Bei starken oder systemischen Schmerzen sind sie nicht ausreichend.
